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Sprache, bunt wie Sommervögel

Zu schweizerhochdeutschen Ausdrücken greifen in Texten so manche höchstens noch verschämt. Dabei darf man den Schatz an Helvetismen, hierzulande notabene als standardsprachlich anerkannt, mit Lust an der Vielfalt ruhig etwas plündern.

Urs Bühler
Rad oder Velo

Neulich will ich speditiv etwas Schüblig und Wirz für ein heimelig-urchiges Nachtessen besorgen. Ich schleppe mich, verletzungshalber hinkend, zum Kassier, strecke ihm etwelche Fünfliber hin. Doch wie ich das allfällige Retourgeld heische, wirft er mir rüffelnde Blicke zu, bis mir wind und weh wird.

Den Inhalt der drei Sätze darf die Leserschaft gleich wieder vergessen – sie dienen als Sammelbecken für schweizerhochdeutsche Begriffe. Finden Sie alle? Wir verzichten auf einen Cliffhanger – ja, ein träfer Anglizismus! – in der Hoffnung, es werde auch so weitergelesen. Also, es sind ein Dutzend Helvetismen: speditiv, Schüblig, Wirz, urchig, Nachtessen, verletzungshalber, etwelche, Fünfliber, Kassier, allfällige, Retourgeld, wind und weh (dass laut Duden heischen, heimelig und rüffeln nicht dazuzählen, zeitigt nun hoffentlich keine Identitätskrisen).

Etwas selbstbewusster, bitte!

Wir Schweizer haben ja einen kleinen Komplex, wenn es um Deutsch als Standardsprache geht – und im mündlichen Ausdruck nicht ganz ohne Grund. Man höre nur, wie manche gestandene Parteivertreter im Bundesparlament radebrechen oder wie wir in Debatten mit nördlichen Nachbarn verstummen angesichts von deren Eloquenz. Aber im Schreiben, das sei jetzt einfach einmal so behauptet, sind wir diesen mindestens ebenbürtig. Gerade die Distanz des Schriftdeutschen zu unserer Alltagssprache schärft vielen wohl das Bewusstsein für dessen Möglichkeiten und Regeln (abgesehen vielleicht von den landestypischen Problemen mit dem Akkusativ).

Vor diesem Hintergrund dürfen wir durchaus etwas selbstbewusster auftreten und in Texten aller Art auch unsere Eigenarten pflegen. Dies nicht nur im Feld der Grammatik, in dem wir Plurale wie Spargeln ganz selbstverständlich praktizieren und das ß längst zum Teufel gejagt haben, sondern eben auch im Wortschatz. Gemeint sind in erster Linie Helvetismen, also Wörter, die hierzulande als standardsprachlich gelten, als belebender Teil der offiziellen Schriftsprache. Als die Schweiz vor über hundert Jahren die deutsche Einheitsschreibung nach Duden übernahm, tat sie's im Wissen um den Wert regionaler Variationen, und der Rechtschreibe-Duden adelt heute unter seinen rund 150 000 Einträgen über 1000 Helvetismen, gekennzeichnet als «schweiz.». Rund 3000 Stück gar versammelt der Schweizerische Verein für die deutsche Sprache in seinem Büchlein «Schweizerhochdeutsch», erschienen 2012 im Duden-Verlag (wenn auch viele darunter als «mundartnah» klassifiziert).

Weshalb also werden zwar ständig gedankenlos Anglizismen reproduziert, die Sprachschätze vor der eigenen Haustür aber verschämt im Oberstübchen verstaut? Einer Beiz – falls sie nicht nur trendig vorgibt, eine zu sein – wird das gelackt-affige Location nimmer gerecht. Auch wer alles, was Publikum anzieht, Event nennt, als böte der gute alte Anlass nicht mannigfachen Anlass zum Feiern, vergibt sich Chancen zur Pflege heimischer Spezialitäten – von der Abdankung über die Versammlung bis zur Hundsverlochete. Selbst sie kann in gewissen Fällen die richtige Wahl sein, wie in anderem Kontext der ebenso umgangssprachliche Schlötterling, für den der Duden das lasche Ersatzpaar Spottwort, Anzüglichkeit offeriert. Welch lustvolle Farbtupfer kann man, gerade in Zeiten globaler Gleichmacherei, Texten mit gezielten Ausflügen dieser Art verleihen! Wie schön lassen sie uns zeuseln und zündeln!

Just das Vokabular im mundartnahen Zwischenreich birgt oft solch lautmalerische Kraft, dass die Standardauswahl daneben verblasst. Aber natürlich soll das nicht zum Selbstzweck, zum Zwang, zur Heimattümelei verkommen. Bei aller Bewunderung für Mani Matter: In offiziellerer Mission ist beim Hantieren mit Dialekt-Versatzstücken Vorsicht empfohlen, auch im Mündlichen: Einen deutschen Geschäftspartner zu bitten, mir anzuläuten, ihn mit einem Sitzen Sie ab! zum potenziellen Sträfling zu machen, ist stilistisch so fragwürdig, wie wenn Zeitungen sich ständig mit Kürzeln wie Badi oder Chindsgi anbiedern. Ich würde auch nie raten, in formelleren Texten grundlos die Schoggi der Schokolade vorzuziehen. Aber für Schoggijobs gibt's halt so wenig präzise Pendants wie für Füdlibürger, die helvetische Ausprägung des Spiessers, nicht wahr?

Doch zurück zu den eigentlichen Helvetismen in ihrer ganzen Vielfalt und Pracht. Sollte dieser standardsprachliche Schatz beispielsweise an hiesigen Hochschulen tatsächlich mehr und mehr geächtet werden, wie manchenorts zu lesen war, wäre das bedenklich. Nicht peinlich sollen sie uns sein, sondern so lieb wie anderen die Teutonismen oder Austriazismen – und wie dem Dürrenmatt einst das Morgenessen, das er seinem Romulus auf der Bühne sehr bewusst in den Mund legte. Gönnen wir uns und anderen also die Eglis und Sommervögel, das Velo, an dessen Ende ein o wie ein Rad rollt, den Zustupf, der einfach zwangloser wirkt als die kleine finanzielle Unterstützung. Umziehen klingt uns zu sehr nach Garderobenwechsel, wir zügeln lieber gleich, und zwar in eine Wohnung, die sich eher durch Cachet auszeichnet denn durch Eigentümlichkeit. Bei uns wird schubladisiert, parkiert, grilliert, und auf griffige Lösungen wie lärmig, harzig, bodigen oder Sauglattismus sollte man so wenig verzichten wie auf den langen Schnauf, der doch glaubwürdiger nach Arbeit klingt als Atem. Ganz zu schweigen von der brillanten Idee, es einnachten oder herbsteln zu lassen (wobei man Letzteres wie viele regionale Eigenheiten auch in Süddeutschland und Österreich kennt).

Wer das Englische für dessen Hang zu knackiger Kürze rühmt, vom Snack über Shops bis zum Flow, dem empfehlen wir Helvetismen wie träf, schlitteln, bachab und, just vor dem Frühlingsbeginn, natürlich den Blust, von mir aus sogar ein paar Leihgaben aus dem Englischen: Car, Goal, Tumbler. Denn natürlich verteufeln wir hier keineswegs partout Einflüsse von aussen: Beleben nicht viele im übrigen deutschen Sprachraum ausgestorbene Fremd- und Lehnwörter unsere Melodie? So geht der Chauffeur zur Coiffure, der Füsilier packt sein Necessaire, und vor dem Chalet steht ein Occasions-Trottinett.

Nun gut, halten wir kurz ein bei der Schwärmerei: Oft kommen Helvetismen ja auch ziemlich amtlich daher, wie Traktandum, Teuerungsausgleich, Zwängerei, Wertschrift, Willensvollstrecker, Doppelspurigkeit oder Redensarten wie in Tat und Wahrheit. Aber ein Blick in die Küchen versöhnt uns bereits wieder mit dem Sprachgut. Hörnli sind nicht nur mit Ghacktem ein Teil unseres Kulturguts wie Rüeblitorten, Cervelats, Vermicelles und Bahnhofbuffets. Die Peperoni sollten wir uns so wenig madig machen lassen wie die Rande, und die Pflaume hört hier eben gerne auf Zwetschge (und, weniger gern, auch die keifende Nachbarin). Nicht vorzustellen brauchen wir wohl das Birchermüesli – wenngleich es im Lauf seiner Weltkarriere vielerorts zum Müsli verkümmert ist, was uns eher an ein Nagetierchen gemahnt.

Womit wir bei den Diminutiven wären. Zugegeben: Einige der originellsten Wortschöpfungen, vom zärtlichen Bettmümpfeli bis zum Mistkratzerli, profitieren vom Reiz der Verkleinerungsform, das Stöckli zählt zu unseren höchsten politischen Instanzen, und weder ist Zürichs Reformator als Zwing bekannt noch die berühmteste Confiserie der Stadt als Sprung. Letzteren hat in der Schüssel, wer glaubt, wir würden unsere knallharte Devise als Fränkli verklären. Selbst der Rappenspalter, unsere Version des Pfennigfuchsers, wird nie zum Räpplispalter. Das als Hinweis an unsere deutschen Mitbürger, die doch immerhin brav das Grüezi lernen (ihm mit ihrem Hang zur Effizienz allerdings oft das e rauben). Gerne motivieren wir aus dem Norden Zugewanderte hiermit, sich über den Gruss hinaus mit den gängigsten Helvetismen vertraut zu machen (dann dürfen sie auch weiterhin ab und zu etwas lecker finden, obwohl der Knacklaut mir den Magen kontrahiert, und selten gar rufen: Ich krieg zwei Bier!). Der Aufwand wird belohnt mit Einsichten in hiesige Mentalität: Bei uns kann Vortritt haben, wer fährt, für die Kalberei braucht's keine Mutterkuh, wir niesen ins Nastuch, da man damit ja keine Tasche putzt, in der aber jeder rechte Bub ein Sackmesser hat. Für weitere erläuterte Exempel, ohne Berührungsängste gegenüber dezidiert dialektalem Material, empfehlen wir wärmstens die wunderbaren Kolumnen von Manfred Papst in der «NZZ am Sonntag».

Vorschläge erwünscht

Aber bevor wir es deutschen Nachbarn näherbringen wollen, sollten wir uns selbst wieder bewusster sein, was uns der Sprachschatz bietet. Es soll schon vorkommen, dass Eidgenossen das Servicepersonal, das ihnen Rösti mit Eierschwämmli empfiehlt, darauf hinweisen, sie hätten lieber Pfifferlinge dazu. Dass das derselbe Pilz ist, scheint ihnen so wenig geläufig zu sein wie der Helvetismus, der doch mitnichten keinen Pfifferling wert ist. Mit dieser Erkenntnis schliesst diese offene Aussprache, für die unser Dialekt das schöne Kompositum Chropfleerete kreiert hat. Dieses führt der Duden zwar gar nicht auf, doch sei auch das noch erwähnt: Bei seinem Schweizer Ausschuss darf man Vorschläge für aufzunehmende Wörter einreichen, zur wohlwollenden Prüfung.

 

Eduard Kaeser ist Physiker und promovierter Philosoph. Er ist als Lehrer, freier Publizist und Jazzmusiker tätig. Zuletzt erschienen: «Trost der Langeweile. Die Entdeckung menschlicher Lebensformen in digitalen Welten» (2014).

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 URL:  Created: 2017-03-11  Updated:
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